Ein Hoch auf den Schuhmacher, den Veloflicker und den Traktorenmech
- Thomas

- vor 2 Tagen
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In Emmen, wo ich aufwuchs, stand mitten im Dorf, etwas abseits der Hauptstrasse, ein kleines Holzhäuschen. Ich habe es kaum grösser als ein Gartenhaus in Erinnerung. In diesem werkte ein älterer, hagerer Mann. Er ähnelte dem tapferen Schneiderlein der Gebrüder Grimm, jedoch war er nicht der Schneider, sondern der Schuhmacher im Dorf. Für die jüngere Generation, die diese Zeile liesst, sei erwähnt, dass die Schuhe früher geflickt wurden. Sie waren währschaft, oft handverarbeitet. Zalando mit 10-Franken- Schlarpen gab es noch lange nicht. Durchgelaufene Sohlen wurden ersetzt, geplatzte Nähte wurden mit Nadel und Faden wieder wie neu. Als Dreikäsehoch durfte ich meine Mutter jeweils begleiten, wenn sie Vaters Büroschuhe zur Reparatur brachte. Es hiess dann "komm, wir gehen zum Schuhmacher".
Mein erstes Gefährt, das ich besass, war ein kleines Kindervelo. Anstelle von Stützrädern gab es am Anfang offene Knie. Merfen gab es zum Glück schon. Das Velofahren lernten wir sehr früh. Schon bald versuchte ich mit dem Drahtesel Grenzen auszuloten. Jasskarten mit Klämmerli am Velorahmen befestigt, streiften die Speichen und es tönte nach Motorengeräusche. Dieses Velöli war meine erste Maschine. Schon Jahrzehnte vor der Erfindung des gefederten Mountainbikes mochte ich es, Treppen runter zu fahren. Das war damals noch verpönt, heute lernt man es im Mountainbike-Fahrkurs, eine späte Genugtuung für mich :-). Die allzu intensive Nutzung des Velos führte dazu, dass es hin und wieder platte Reifen und den einen oder anderen Defekt gab. Besuche beim Velomech, dem sagte man früher Veloflicker, gab es häufig, stets begleitet von deutlichen Worten meiner Eltern. Um nicht jeden "Hafenkäse" zu Hause beichten zu müssen, ging ich zum ersten Mal mit ca. 6 Jahren auf eigene Faust zum Veloflicker. In Anlehnung an den Satz meiner Mutter, "komm, wir gehen zum Schuhmacher", war ich der Meinung, alle Berufsleute spreche man mit ihrer Funktion an. Also begrüsste ich den Veloflicker mit "Grüezi Herr Veloflicker". Er schätzte das nicht wirklich und wies mich zurecht, sein Name sei Schu(h)macher. Das wollte mir nicht in den Kopf. Wieso soll ein Veloflicker Schuhmacher heissen. Ausgerechnet Schuhmacher. Bei dem riecht es doch nach Leder, nicht nach Kettenschmiere. Also sprach ich ihn auch bei meinem nächsten Besuch wieder mit "Grüezi Herr Veloflicker" an. Dies ging so lange, bis er mir verbot, das Velo zu bringen, wenn ich ihn nicht endlich mit dem korrekten Namen ansprechen täte. Ich habs dann gelernt.
Nun hier im Podere L'Immacolata müssen wir keine Jasskarten am Velorahmen befestigen, um Motorengeräusche zu simulieren. Und unserem Traktorenmechaniker sage ich auch nicht "Buongiorno Signore Traktorflicker", sondern "Buongiorno Fabrizio". Fabrizio ist ein Mech alter Schule. Er hört und riecht die Defekte. Ein Diagnosegerät habe ich bei ihm noch nie gesehen. Wohl aber auch deswegen, weil unser 26-jähriger Goldoni-Traktor kaum Elektronik und schon gar keinen Stecker für ein Diagnosegerät hat.
Unser Fuhrpark sind der besagte Traktor (Lieblingsmaschine von mir), der Kubota Aufsitzmäher (Lieblingsmaschine von Esti) und die Motorkarette. Erstere beiden
sind unentbehrlich. In Frühling und Herbst vergeht praktisch kein Tag, ohne dass mindestens eines der Geräte bewegt wird. Wenn die Vegetaion zur Höchstform aufläuft, mähen und mulchen wir im akkord. Gras, Dornen und Feingehölze wachsen unglaublich schnell. Mähen wir zu spät, kommen die Maschinen an die Grenzen. Also dranbleiben ist die Devise. Defekte Geräte können wir uns nicht leisten. Aber Defekte gibt es nun mal. Und da ist Fabrizio Gold wert. Er kommt mit seiner fahrenden Werkstatt. In der Regel wird alles vor Ort repariert. Unkompliziert etwas Karton auf den Boden und los gehts. Die Teile sind dann ein bisschen da und dort, aber am Schluss rattert und raucht es wieder. Eher selten, dass er etwas mit in seine Werkstatt nach Roselle mitnimmt. Was mich am meisten beeindruckt ist, was alles noch repariert und geflickt wird, bevor man ein Gerät oder ein Teil ersetzt. Das Material gilt noch etwas, es ist Gebrauchs- und nicht Verbrauchsmaterial. Genau so wie die Schuhe beim Schuhmacher von Emmen in den 70-er Jahren.
Jetzt, bei 38° Celsisus im Schatten, hat die Natur das Wachstum gestoppt. Die Maschinen haben Pause und ich kann im kühlen Häuschen etwas in Kindheitserinnerungen schwelgen. Ob es die Werkstatt des Veloflickers in der Sternmatte wohl noch gibt?
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