"Im Winter hast du ja nichts zu tun in der Toscana"
- Thomas
- vor 1 Tag
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Aktualisiert: vor 9 Stunden
Diesen Satz habe ich oft gehört in den letzten Wochen. Und ja, die ersten beiden Monate im Jahr sind die ruhigsten. Die Natur ruht sich aus, das Agriturismo ist geschlossen, der Pool stillgelegt, das Olivenöl von den Kundinnen und Kunden abgeholt. Allora, dolce far niente! Nein, es gibt immer etwas zu tun! Und das ist gut so. Ich bin ja nicht pensioniert, sondern habe bloss die Stelle, die Firma, die Branche, den Wohnort und das Land gewechselt.
Dieser Wechsel der Stelle, der Firma und der Branche hat einen Aspekt, den ich so nicht direkt im Fokus hatte. In meiner früheren Tätigkeit hat die Agenda den Tagesablauf vorgegeben. Ich hatte hervorragende Mitarbeitende, welche mich unterstützten. X Stunden, die ich am Telefon und in Sitzungszimmern verbracht habe. Oft kam ich mir vor, wie ein Radiomoderator, einfach dass dieser ab und zu durch Musik beim Reden unterbrochen wird. Pro Tag dutzende Begegnungen aller Art. Das Rad rollte einfach und automatisch jeden Tag. Ich hatte eine extram interessante, spannende und erlebnisreiche Tätigkeit, die mich forderte, aber auch befriedigte. Es war, um die laufenden Olympischen Spiele als Beispiel zu nehmen, eine Abfahrt. Rasant, innerhalb der gesteckten Pistenränder musste die beste Linie gefunden werden, unterstützt durch Serviceleute und Coatches, Erwartungen mussten erfüllt werden, vor allem auch die an sich selber. Im Ziel bei Misserfolg Analyse sowie Red und Antwort, bei Erfolg Freude teilen und geniessen. Stets das Umfeld weiter motivieren und auf das nächste Rennen fokussieren.
Jetzt in der Toscana: Freeride! Keine Serviceleute, keine Coatches, kein Rennen, ja nicht einmal eine Piste. Praktisch jeden Morgen steht auf dem Sperrbildschirm des Natels "keine Ereignisse". Jesses Gott, mit was beginne ich jetzt? Wann beginne ich? Kämmen nach dem Aufstehen? Pustekuchen, kein Mensch sieht mich und dem Hund ist es komplett egal. Klingelt das Telefon am gleichen Tag ein zweites Mal denke ich, was ist das heute auch für ein Gestürm! Sprechen tu ich nicht viel, und wenn, dann mit mir selber oder mit dem Hund. Beides machte mir am Anfang etwas Angst. Mittlerweile finde ich es angenehm und freue mich, wenn Kenay, unser Schäferhund, mir zuhört und so tut, als würde es ihn interessieren. Kenay als Mitarbeiter zu bezeichnen, wäre nicht treffend. Er arbeitet nicht. Trägt mit seiner Verspieltheit auch nicht zur Effizienz bei. Aber er ist da, wo ich bin, und das ist schön. Er ist ein Arbeitsbegleiter und ein guter Zuhörer. "Was esch jetz met em Häfliger los", mögt ihr an dieser Stelle nun denken. Keine Angst. Mir geht es gut. Ich bin kein Einsiedler und habe auch nicht die Absicht, einen zu werden. Zudem wird ja bald Esti auch wieder ins Podere L'Immacolata kommen. Das gibt dann diesem neuen Leben das Vertraute und endlich, es sind jetzt genau drei Jahre, in welchen wir nicht mehr im gleichen Haushalt leben, werden wir wieder eine normale Beziehung und zusammen den Traum in Italien leben können.
Der Beweis, dass es auch in den ersten Wochen des Jahres viel Arbeit im Podere L'Immacolata gibt, ist Giuseppe. Er ist Frührentner aus Sursee, dort heisst er Josef, aber eben hier ist er der Giuseppe. Seine Frau arbeitete mit Esti im Hof Rickenbach. Giuseppe, der Bauernbub aus dem Luzerner Hinterland, hat zeitlebens im Freien gearbeitet. Seit seinem Schritt in die Pension ist er jetzt schon zum dritten Mal im Februar bei uns in der Toscana für ein bis zwei Wochen am arbeiten. Er ist eine der guten Seelen, ohne die wir diesen Traum nicht so leben könnten, wie wir ihn nun leben dürfen. Für ihn eine Abwechslung, für uns eine wertvolle Unterstützung. Es gibt Arbeiten, die gehen zu Zweit einfach viel einfacher. Dieses Jahr war der Ersatz von 100 Meter Zaun auf dem Programm. Das für unsere Region überdurchschnittlich regnerische Wetter dieser Wochen war uns für einmal eine Hilfe. Heute ist es üblich, die Zaunpfähle mit dem Bagger in den Boden zu drücken. Mangels Bagger rammten wir die neuen Pfähle jedoch in Handarbeit in den Boden. Da waren wir froh um den komplett durchnässten und entsprechend weichen Boden. Dass die Pfähle aber trotzdem nicht wie von selber in Untergrund glitten zeigte sich darin, dass beim allerletzten der 40 Pfähle bei einem der buchstäblich letzten Schläge der Hammerstiel zerbrach. Er war neu und aus Fiberglas oder sonst einem speziell "harten" Material. Diesen Hammer kauften wir eben erst in der hiesigen Landi. Die heisst nicht wirklich Landi, sondern Consortio Produttori Agricoli. Esti und ich sagen ihr Landi, weil sie uns an unser Schweizer Landi vor 30 Jahren, als diese noch nicht dieser Gemischt-Chinawarenhändler war, erinnert. Ich ging mit den beiden Hammerteilen zu Angela, der Tätschmeisterin der Landi und klagte über die Qualität. Der weitere Kunde, der da war meinte: "da gibt es nur eine Erklärung, du bist zu stark!" Welch Kompliment für einen, der bis vor drei Monaten die Tage auf dem Bürostuhl verbrachte und noch nie ein Fitnesscenter von innen gesehen hat :-). Nicht blosse Muskelkraft, sondern eher Knowhow braucht es, wenn es darum geht, den 100 Meter langen Zaun richtig zu spannen. Youtube sei dank. Dort gibt es auf alle Fragen ein Filmchen. Und in der Tat, es funktionierte. Wie? Das seht ihr in der Bildstrecke. Das Werk ist gelungen. Das Feierabendbier ist verdient. Zu zweit macht auch das mehr Spass.
Herzlichen Dank Giuseppe! Wertvolle Mitarbeit am Tag und tolle Gespräche am Abend. Es war eine schöne und für mich lehrreiche Zeit. Auch habe ich diese Abwechslung sehr genossen.
Jetzt ist Güdismäntig. Nach dem Aufstehen dachte ich, ich würde am Vormittag jätten. Es war mir draussen aber etwas zu frisch. Stattdessen habe ich nun diesen Bericht geschrieben. Das ist genau dieser Luxus, wenn in der Agenda steht: "Keine Ereignisse".
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